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"Das Ende des Lodzermenschen?" Zeitzeugengespräche mit ehemaligen und heutigen Lodzern

Łódź / Berlin, 25. April 2011. In Kooperation mit dem Germanistischen Institut der Universität Łódź organisiert der Europäische Verein für Ost-West-Annäherung e. V. (Berlin) im Mai 2011 ein Begegnungsprogramm in Łódź.  Zwischen dem 09. und 29 Mai treffen Studenten und Dozenten auf aus Łódź stammende Zeitzeugen. Diese werden über den Alltag und die verschiedenen Lebenswirklichkeiten berichten, die vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Łódź herrschten. Die Veranstaltung findet in Form von Seminaren, Interviews, Filmaufnahmen und Ortsbegehungen statt.

Die Berichte der Zeitzeugen werden heutigen Menschen helfen, sich zu vergegenwärtigen, was der schwere Bruch des Krieges und seine Wirkungen für diese europäische Stadt bedeuteten - besonders für einzelne ihrer Bewohner. Unter den Zeugen sind auch heute auswärtig lebende, die zum Anlass dieser Begegnung und für Filmaufnahmen zurück in ihre alte Heimatstadt Łódź reisen. Die Zeugen sind jüdischer, deutscher, polnischer oder auch gemischter Herkunft.

 
Die Projekteergebnisse (Filmauschnitte, Interviews, Transkriptionen, Übersetzungen) werden ab Juni/Juli 2011 auf der Projektwebsite www.lodzermenschen.net (auf polnisch, deutsch) veröffentlicht.
 
Das Begegnungsprojekt wird filmisch aufgezeichnet. Zwischen den Terminen finden weitere Filmarbeiten mit den Zeitzeugen statt, das Material wird in ein 70minütigen Dokumentarfilmprojekt über die Geschichte von Łódź eingebunden.
 
Förderung

Unser Projekt wird gefördert aus Mitteln folgender Stiftungen:
Fundacja Współpracy Polsko-Niemieckiej/Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
Rainer Bickelmann Stiftung
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"

 

 

Teilnahme/Anmeldungen

Veranstaltungsort:
Lehrstuhl für die Literatur und Kultur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz der Universität Łódź
ul. Sienkiewicza 21, PL-90-508 Łódź
Ansprechpartnerin vor Ort ist Frau Dr. Krystyna Radziszewska. (tel. 0048 42 635 5115)
Die Raumnummer wird am Tag der Veranstaltung im Institut sichtbar ausgehängt.
 
Seminar-Termine (Stand 29. April 2011)
10. Mai, 10.00-12.00: Armin Hornberger
12. Mai, 12.00-14.00: Natan Grossmann
24. Mai, 10.00-12.00: Jens-Jürgen Ventzki
25. Mai, 10.00-12.00: Waldemar Seiler, Astrid Wojtaszek
26. Mai, 10.00-12.00: Helena Bergson
 
Die Veranstaltung steht auch Studenten/Dozenten anderer Fakultäten und außeruniversitär Interessierten offen. Für die Seminare und Ortsbegehungen stehen nur begrenze Kapazitäten zur Verfügung. Es wird daher ausdrücklich um Anmeldungen gebeten. Das Begegnungsprogramm ist aufgeteilt in einen Seminarblock (Bericht, Fragen + Antworten) und dem Besuch von Orten in Łódź, die den Zeugen jeweils biographisch oder historisch wichtig sind. Interessierte können sich über das Anmeldeformular der Projektseite registrieren.
 
Presseinterviews
Es können in Absprache mit den Zeitzeugen während ihres Aufenthalts in Łódź Interviewtermine mit Journalisten ausgemacht werden.
Kontakt: Tanja Cummings (cummings@eva-verein.de), mobil: 0049-176-20021098 oder direkt über den Pressebereich .
 
Die Zeitzeugen
Unter anderen sind folgende Zeitzeugen eingeladen:
  1. Natan  Grossmann (*1927 bei Łódź): Aufgewachsen in einem Schtetl als Sohn eines Schusters. Umsiedlung ins Getto Lodz. Zwangsarbeit (als Kind). Eltern starben im Getto, Bruder in Kulmhof. Deportation nach Auschwitz. Nach Kriegsende Rückkehr nach Łódź, Auswanderung nach Israel.
  2. Armin Hornberger (*1930, Łódź).
    Polnisch/deutsche Herkunft (deutscher Familienzweig seit Generationen in Lodz sesshaft). In Kriegswirren nach Deutschland, in Nachkriegswirren zurück nach Łódź. Zwangsumsiedlung nach Deutschland.
  3. Helena Bergson (*1921 in Łódź). Im Getto als Krankenschwester tätig. Eine der wenigen, die noch vom Leben in der Zeit vor dem Krieg berichten können und das Getto bis zur Auflösung erlebten.
  4. Waldemar  Seiler (*1933 in Łódź). Familienzweig seit Generationen in Lodz sesshaft. Ehefrau Eugenie Kind aus deutsch-polnischer „Mischehe“ (nach Kriegsende für 3 Jahre in polnischem Arbeitslager).
  5. Astrid Wojtaszek (*1939, Łódź). Nach Krieg Enteignung der Familie. Durch Heirat mit einem Polen Verschleierung ihrer Herkunft. Ihrer eigenen Tochter verschwieg sie diese 40 Jahre lang.
  6. Jens-Jürgen Ventzki (*1944 in Lodz/Litzmannstadt). Sohn eines „Reichsdeutschen“, des Oberbürgermeisters von Litzmannstadt, Werner Ventzki (1941-45). Dieser wurde für seine Position und Taten nie vor Gericht gestellt.
 
Geschichtlicher Hintergrund
Łódź hat eine markante polnisch-jüdisch-deutsche Geschichte, zunächst kooperativ, dann aber zerstörerisch und gewaltsam. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte Łódź sich zum „Eldorado des Ostens“ und wirtschaftlichen wie kulturellen Schmelztiegel für Polen, Juden, Deutsche. In nur wenigen Jahren entstand hier einer der wichtigsten Textilindustriestandorte Europas. Doch das intensive Mit- und Nebeneinander bewahrte Łódź nicht vor dem Gewaltexzess des Zweiten Weltkriegs, der den Untergang der Welt des „Lodzermenschen“ einläutete und die Kulturen auseinandertrieb. So scheint angesichts der früheren Verwobenheit dieses Ende um so schmerzhafter. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurden Juden und Polen enteignet, ausgesiedelt, ermordet; „Reichsdeutsche“ zur Verwaltung nach Łódź beordert. Der Riss ging auch durch die Lodzer Deutschen (die allteingesessenen Deutschstämmigen): Einige empfanden - als polnische Bürger - den Einmarsch als Schmach, andere wiederum hießen die neuen Machthaber willkommen. Der Riss ging noch stärker durch Familien, die gemischt verschiedener Herkunft waren. Terror gegen Juden und Polen regierte die Straßen. Juden wurden ins Getto verdrängt, in dem Tausende zu Tode kamen. Viele der jüdischen Lodzer, aber auch Tausende der westlichen Juden, die besonders aus Prag, Wien, Berlin ins Getto deportiert worden waren, wurden im Vernichtungslager Kulmhof ermordet oder ins Konzentrationslager Auschwitz überführt. Wie erlebten Lodzer Polen, Juden und Deutsche dieses Ende, in dem Volkszugehörigkeit zum trennenden Moment wurde? Wie veränderte sich die Stadt im Alltag der Menschen?

 

 

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